Volkstümlich wird davon ausgegangen, dass unsere überaus wahrnehmungsbegabten Hauskatzen eine außergewöhnliche Sinneswahrnehmung, sogenannte „ASW“ besitzen. Dies ist nicht der Fall. Der Grund aber für diese Annahme ist der, dass die Katze als Beutegreifer extrem scharfe Sinne besitzt, die denen des Menschen in vielen Fällen weit überlegen sind. Daher können wir oft gar nicht nachvollziehen, woher die Katze nun Dinge „voraussehen“ konnte, die wir nicht haben kommen sehen. In dieser Artikelreihe werden die anatomischen Grundvoraussetzungen und die sich daraus ergebenden Sinnes-Fähigkeiten der Katze erläutert. Teil 1 beginnt mit dem Gesichtssinn, also der Frage: Wie sieht die Katze?

Wie sieht die Katze?

Die Augen der Katze sind, wie beim Menschen auch, das am stärksten ausgeprägte und genutzte Sinnesorgan. Daher ist bei der Katze, im Gegensatz zum Hund, der sich stark an Gerüchen orientiert, die visuelle Wahrnehmung viel stärker ausgeprägt, so dass sie zum Beispiel ihren Menschen mehr an dessen Gestalt und Bewegungen erkennt, als an seinem Geruch.

Grundsätzlich unterscheidet man verschiedene anatomische Strukturen im Auge. Ebenso wie das menschliche Auge, so besitzt auch das Auge der Katze Stäbchen, die das Hell-Dunkel-Sehen ermöglichen und Zapfen, die für das Farbsehen verantwortlich sind.

Welche Farben sieht die Katze?

Das Farbsehen der Katze ist ein Thema, bei dem die Meinungen der Experten auseinander gehen. Einig ist man sich darüber, dass sie durchaus zwischen verschiedenen Farben unterscheiden kann und nicht nur, wie man früher annahm, Grautöne sieht. Ein Großteil der Fachwelt spricht bei der Katze, wie beim Hund auch, vom dichromatischen Sehen. Das heißt es gibt zwei Arten von Zapfen, die es dem Tier ermöglichen, Längenwellen von 445-455 nm (blau) und 555nm (gelb) zu sehen. Dies bedeutet, dass die Katze rot-grün-farbenblind ist, diese beiden Farben also als Grautöne wahrnimmt. Es gibt jedoch auch die Vermutung, dass darüber hinaus eine Wahrnehmung von Grüntönen im Bereich von 500-510 nm möglich ist. Da dies nicht vollständig bewiesen ist, gilt die Katze aber weiterhin als Dichromat.

Die für sie sichtbaren Farben sind für Katzen aber ohnehin von geringer Bedeutung, vermutlich weil ihre Gehirne nur wenige Nerven besitzen, die für das Vergleichen von Farben zuständig sind. So lassen sie sich auch kaum beibringen, blaue von gelben Objekten zu unterscheiden. Vielmehr unterscheiden sie Objekte anhand von Umriss, Größe, Muster und Helligkeit.

Wie sieht die Katze in der Dunkelheit?

Beim Hell-Dunkel-Sehen gibt es verschiedene Mechanismen, die sowohl den Lichteinfall ins Auge regulieren, als auch die Nutzung des vorhandenen Lichts optimieren:

Pupillengröße

Die Augen der Katze passen sich sehr sensibel an die gegebenen Lichtverhältnisse an, sodass im Dunkeln die Pupillen groß und rund sind und so möglichst viel Licht einfallen kann, um die Sicht zu verbessern. Dadurch, dass sich die Pupillen im Hellen zu einem schmalen, schlitzförmigen Spalt, statt wie beim Menschen zu einem Kreis zusammenziehen, kann die Katze besser kontrollieren, wie viel Licht in die Augen einfällt. Das ist besonders wichtig, da ihre höchst sensiblen Augen, die selbst in der Dämmerung gut sehen können, sehr leicht überblendet werden können. Die vertikale Ausrichtung dieses Spalts ermöglicht es bei starker Helligkeit zusätzlich über den Lidschluss die Größe der Pupille in der Horizontalen zu minimieren und so die Lichtintensität im Auge zu verringern.

Tapetum lucidum

Wie oben erwähnt kann die Katze im Halbdunkeln sehen. Dies ermöglicht das sogenannte Tapetum lucidum („leuchtender Teppich“), eine reflektierende Schicht, die einfallendes Licht, das die Rezeptoren (Stäbchen) der Netzhaut nicht erreicht hat, abstrahlt und es so von hinten erneut auf die Netzhaut wirft. Licht, das nun wieder die Netzhaut verfehlt, entweicht durch die Pupille, wobei die charakteristisch grün leuchtenden Katzenaugen in der Dämmerung entstehen.

Bei vollständiger Dunkelheit kann jedoch auch eine Katze nichts sehen, da kein Licht vorhanden ist, das reflektiert werden könnte.

Stäbchen

Hilfreich beim Sehen im Halbdunkeln ist außerdem die Vielzahl der oben genannten Stäbchen - Rezeptoren für das Hell-Dunkel-Sehen, deren Anzahl die des menschlichen Auges deutlich übersteigt. Da bei der Katze mehrere Stäbchen gebündelt mit einem Nerven vernetzt sind, wird bei Lichteinfall ein größerer Bereich der Netzhaut angesprochen, weshalb die Sicht in der Dämmerung sehr gut funktioniert. Jedoch geht die Fähigkeit des Dämmerungssehens zulasten der Sehschärfe, denn bei Helligkeit führt diese Art der Vernetzung dazu, dass keine Details mehr erkannt werden, weil das Katzengehirn die Stimulation nur einer Gruppe von Stäbchen, aber nicht den einzelnen Rezeptoren zuordnen kann und die Netzhaut sozusagen überstrahlt wird.

geringe Schärfentiefe

Daraus ergibt sich, dass die Katze Objekte, die sich in zwei bis fünf Meter Entfernung befinden (also die Distanz, in der sich meist ein Beutetier befindet) am schärfsten sehen kann. Weiter entfernte Gegenstände übersieht sie leicht, wenn sie unbeweglich sind. Allgemein können nämlich bewegte Gegenstände aufgrund der Verarbeitung im Gehirn und der besseren Nutzung des Wechsels von Licht und Schatten besser erkannt werden, insbesondere, wenn, wie in der Dämmerung, wenig Licht vorhanden ist.

Bei mäßigen Lichtverhältnissen bedient sich die Katze daher eines Hilfsmechanismus: Sie führt den Kopf in kleinen senkrechten Kreisen umher, wodurch das Gesamtbild in Bewegung versetzt wird und ferner und näher liegende Gegenstände scheinbar gegeneinander verschoben werden. So kann die Katze die geringe Tiefenschärfe zumindest ein Stück weit kompensieren.

Welche Bereiche sieht die Katze?

Die Fokussierung von Objekten im Nahbereich, die sogenannte Akkommodation, wird über die Linse vorgenommen. Dies bewerkstelligt der Musculus ciliaris, dessen Muskelfasern indirekt an der Linse ansetzen und für das Nahsehen kontrahieren, sich also zusammenziehen, wodurch sich die Linse abrundet. Für die Fernsicht hingegen muss die Ausgangsform der Linse nicht über Muskeln verändert werden, denn sie ist in ihrer abgeflachten Grundposition auf Fernsicht eingestellt. Allerdings ist der Mechanismus der Akkommodation in seiner Auswirkung begrenzt, weshalb in extremer Nähe, das heißt in einem Abstand unter 30 cm, ein Fokussieren für die Katze unmöglich ist. Das laterale Gesichtsfeld der Katze, bedingt durch die Lage der Augen vorne in ihrem Kopf, beträgt ca. 180°. Da sie sich als Jäger hauptsächlich nach vorne orientiert, ist ihr Gesichtsfeld im Vergleich zu Beutetieren mit seitlich im Kopf liegenden Augen, wie zum Beispiel einem Kaninchen, relativ klein. Die Katze sieht binokular, also beidäugig, das bedeutet, dass die beiden sich ergebenden Einzelbilder je Auge einen Überschneidungsbereich bilden. Im Gehirn wird aus den sich perspektivisch leicht verschobenen Einzelbildern ein Gesamtbild erzeugt, welches eine Einschätzung von Distanz und räumlichen Gegebenheiten erlaubt. Damit ist die Katze zum Beutegreifen ideal ausgestattet und kann ihren Angriff exakt kalkulieren.

Lesen Sie mehr zu den Sinnen der Katze im zweiten Teil der Serie.

Informationen zum Autoren
Sabine Schneider
Name
Sabine Schneider
Studentin der Veterinärmedizin
Über mich
Seit 2011 studiere ich Tiermedizin an der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover. Nach dem Abschluss meines Studiums 2017 möchte ich gerne in der Kleintiermedizin tätig werden.

Mein Motto
Mit (Selbst-)vertrauen und Konsequenz ist jedes Ziel erreichbar.

Tätigkeiten
2-jährige Ausbildung zur Tiermedizinische Fachangestellten, anschließend 2-jährige Tätigkeit als TFA, seit 2011 Studium der Veterinämedizin

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