defensives aggressives Verhalten an der Leine

Ich wünsche keinen Kontakt zu anderen Hunden!", sagte eine Patientin kürzlich in der Verhaltenstherapie, „da dreht mein Hund durch!"

Diese panischen Worte verdeutlichen die nervliche Belastung einer Hundehalterin, die seit vier Jahren unter großem Aufwand mit ihrem Hund durch die Parks Hannovers schleicht. Dabei bemüht sie sich, nicht nur alle Wege und Wiesen nach Hunden abzusuchen, sondern auch mögliche Fluchtwege auszuspähen. Denn sie möchte um jeden Preis vermeiden, dass ihr Hund Kontakt zu anderen Hunden bekommt, während er angeleint ist.

Schüchterner Leinenrambo

Unangeleint verläuft der Kontakt zu anderen Hunden hingegen problemlos. Doch nicht immer kann die Halterin den Hund ableinen. Sie hat bereits vor Jahren festgestellt, dass ihr Hund an der Leine aggressiv auf andere Hunde reagiert. Seitdem geht sie erfolglos jedem gut gemeinten Ratschlag nach, den ihr Passanten im Vorbeigehen zurufen, und leidet unter einem zunehmend aggressiveren Hund an der Leine. Nach  einem Beißvorfall ist schließlich das Veterinäramt auf sie aufmerksam geworden und so hat sie zu mir in die tierärztliche Verhaltenstherapie gefunden.

Der Labrador, der mir als Leinenrambo vorgestellt wird, präsentiert sich überhaupt nicht als Draufgänger. Vielmehr liegt er entspannt in einer ruhigen Ecke des Raumes, hat den Kopf abgelegt und schaut lieber an mir vorbei als in meine Augen. Er erscheint mir eher  vorsichtig. In der Begegnung mit einem anderen Hund auf der Straße blickt er ebenfalls am Hund vorbei. Er hat die Ohren angelegt, trägt die Rute tief und hat die Haare im Nackenfell stark gesträubt, während er den anderen Hund lautstark anbellt. Es ist deutlich zu erkennen, dass der Hund aus der Defensive heraus aggressives Verhalten zeigt. Bestätigt wird dieser Eindruck durch die Schilderung der Halterin, dass die Probleme begannen, nachdem ihr angeleinter Hund von einem anderen Hund mehrfach angerempelt wurde.

Entstehung einer Leinen-Aggression

Die direkte Ursache für Leinen-Aggression ist eigentlich banal: Ein Hund hat gelernt, dass er mit aggressivem Verhalten an der Leine Erfolg hat. Dieser Lernprozess erfolgt über einen längeren Zeitraum und wird von Haltern leinenaggressiver Hunde oft erst wahrgenommen, wenn sich das Verhalten bereits gefestigt hat.

Die ersten Anzeichen für Leinen-Aggression werden häufig übersehen, weil sie nur mit subtilen Verhaltensäußerungen einhergehen, wie z.B. einem leichten Drohfixieren anderer Hunde. Zeigt der Hund schließlich erste zaghafte Angriffsversuche, verselbstständigt sich dieses Verhalten sehr schnell, weil der Hund damit so erfolgreich ist. In den meisten Fällen nämlich verschwindet der unliebsame Artgenosse, während der Hund sich an der Leine aufregt, so dass die Lernerfahrung gemacht wird, dass aggressives Verhalten den Gegner in die Flucht schlägt. So hat das Verhalten selbstbelohnenden Charakter.

Im Freilauf kann ein Hund ganz anders kommunizieren als an der Leine: er kann einen Bogen um den Artgenossen laufen, er kann den Kopf abwenden und seitlich Kontakt aufnehmen oder er kann stehenbleiben und die Annäherung des anderen Hundes abwarten. An der Leine hingegen sind seine Kommunikationsmöglichkeiten stark eingeschränkt. Dies gilt nicht nur für kurze Leinen, sondern kann je nach Hund auch für eine zehn Meter lange Leine gelten.

Aggression zur Konfliktlösung

Hunde setzen zur Konfliktlösung eines von vier Verhaltensmustern ein, von denen an der Leine meist nur ein einziges erfolgreich gezeigt werden kann. Diese vier Verhaltensmuster sind: Fight, Flight, Freeze oder Fiddle about. Auf deutsch: Kämpfen, Fliehen, Erstarren oder Übersprungshandlungen zeigen.

Solange die Leine den Hund in der Bewegung einschränkt, kann er den Konflikt nicht durch Flucht oder Übersprungshandlungen beenden. Und weil der Hund in einer Konfliktsituation vom Halter oft weitergezogen wird, hat der Hund auch mit Erstarren keinen Erfolg. So wird deutlich, dass ein Hund an der Leine nur aggressives Verhalten erfolgreich zeigen kann. Es ist daher nicht überraschend, dass ein Hund an der Leine aggressives Verhalten zeigt. Dieses Phänomen hat seinen Weg sogar schon in die Fragenkataloge der verschiedenen Sachkundeprüfungen geschafft und wird sachkundigen Hundehaltern bereits bekannt sein.

Verstärkung durch den Halter

Weniger bekannt sind die korrekten Umgangsweisen mit einem betroffenen Hund. Denn die häufigsten Ratschläge sind leider auch der größte Unfug. Diese Erfahrung musste auch meine Patientin machen, die sich weder zum Anschreien noch zum Nassspritzen ihres Hundes mit der Wasserpistole zu schade war. Zum Zeitpunkt der Verhaltenstherapie beschränkte sie sich darauf, ununterbrochen beruhigend auf den Hund einzureden. Das naheliegendste wurde ihr scheinbar nicht geraten: Jemanden aufzusuchen, der sich mit Leinenaggression auskennt.

Die schwierige Aufgabe bei der Therapie von Leinenaggression ist die Suche nach der eigentlichen Ursache: Warum nimmt der Hund die Begegnung mit anderen Hunden überhaupt als Konflikt wahr? Denn die Konfliktursache bestimmt den Therapieweg.

Weiter geht es mit den Konfliktursachen und Verhaltenstips für betroffene Halter sowie zum Download des Fallbeispiels im zweiten Teil der Artikelserie "Leinenrambo - Leinen-Agression beim Hund".

Dieser Artikel ist erschienen in der Zeitschrift "Leben mit Tieren" (Ausgabe 6/2014).

© Dunia Thiesen-Moussa

Informationen zum Autoren
Dunia Thiesen-Moussa
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Dunia Thiesen-Moussa
Tierärztin, Zusatzbezeichnung Verhaltenstherapie
Über mich
Ich leite die verhaltensmedizinische Sprechstunde der Tierärztlichen Hochschule Hannover und betreibe die Tierärztliche Praxis für Kleintierverhalten und die Hundeschule Kleintierverhalten.

Mein Motto
Wissen schützt Tiere

Tätigkeiten
Verhaltenstherapie, Hundetraining, Referententätigkeiten, Gutachterin in Wesenstests, Prüferin des D.O.Q.-Tests 2.0, Prüferin der Sachkundeprüfung nach §3 NHundG, Mitglied der Prüfungskommission zur Zertifizierung von Hundetrainern durch die Tierärztekammer Niedersachsen, Prüferin der Sachkundeprüfung zur Erlaubnispflicht nach §11 TierSchG

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